Unzeitgemäße Betrachtung. Nietzsche et cetera[1]

Arno Böhler, Universität Wien

 



Lecture-Performance: 29 November 2015—Philosophy On Stage #4—Tanzquartier Wien HALLE G

Friedrich Nietzsche: Nicholas Ofczarek

Chor: Jeanne Marie Bertram, Max Gindorff, Maria Huber, René Peckl, Sophie Reiml

Text: Arno Böhler

Raumgestaltung: Hans Hoffer

Akteur_in A

„Die wahre Philosophie, als Philosophie der Zukunft, ist ebenso wenig historisch wie ewig: sie muss unzeitgemäß sein, immer unzeitgemäß.“ (Deleuze 1965, 25)

Friedrich Nietzsche

Man fordert uns auf, das Reale zu akzeptieren.

Aber das „sogenannte Reale“ entspricht der Logik der Macht.

Es ist die Realität, die aus der Perspektive der Macht generiert und eingerichtet worden ist.

 

Täuschen wir uns nicht.

Sie, die Perspektive der Macht, ist unsere erste Natur.

Sie wird uns nicht bloß überliefert.

Sie befiehlt uns, ihr konform zu werden.

Sie will uns als Agenten ihrer Perspektive auf unser Leben.

Darum befiehlt sie uns, zeitgemäß zu werden.

 

Aber das Denken der Philosophie ist unzeitgemäß!

Es ist immer und immer wieder aufs Neue unzeitgemäß.

Es wendet sich gegen die Zeit—zugunsten einer kommenden Zeit,

die vorab bedacht sein will, um kommen zu können.

 

Das Denken der Philosophie ist diese Wende der Zeit, in der sie widerständig gegen das wird, was bislang in ihr überliefert worden ist.

 

Eine Revolte der Zeit,

das ist es, was das Denken der Philosophie,

das philosophierende Denken, vollzieht.

Das Denken der Philosophie,

als Denken des Unzeitgemäßen,

ist folglich keine bloße Theorie der Zeit;

eingesperrt in gelehrte Diskurse;

diszipliniert verstaut in abgesicherten Schränken des herrschenden Systems.

Es ist eine Praxis:

Die praktische Arbeit an der Hervorrufung einer Zeit,

die eine Veränderung gegenüber dem bisher Gewesenen bewirkt.

 

Es stimmt.

Sie lieben uns, die Mächtigen,

uns, die Philosophie, die Künste, die forschenden Wissenschaften,

solange wir gehorsam dem ökonomischen Fortschritt dienen.

 

Nützlich sollen wir sein,

zeitgemäß sollen wir sein,

brauchbar und effizient …

 

Österreich eilt hier, in voreilendem Gehorsam, voran: Das Wissenschaftsministerium wurde dem Wirtschaftsministerium einverleibt. Da hilft die neue Bezeichnung mit Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft wenig.

Diese Botschaft ist klar, sie heißt: Werdet zeitgemäß!

Ordnet Eure Bedürfnisse der Wirtschaftsleistung unter.

Ihr Glaubenssatz? Geht es der Wirtschaft gut, geht es allen gut!

Das heißt ökonomische Wertschöpfung = kultureller Wohlstand?

Voilà!

Geht es der Dummheit gut, geht es der Wirtschaft gut …

Akteur_in B

Michel Foucault , Überwachen und Strafen. Kontrolle der Tätigkeiten:

„Es geht um eine Zwangsbindung der Körper an den herrschenden Produktionsapparat. Die instrumentelle Codierung des Körpers ist das Ziel dieser Tortur. Die gemessene und bezahlte Zeit muss eine Zeit ohne Fehl und Makel sein, in welcher der Körper ganz seiner Pflichttätigkeit hingegeben ist. Wie lässt sich die Zeit der Individuen kapitalisieren? Wie lassen sich profitable Dauerhaftigkeiten organisieren? Durch ununterbrochene Kontrolle und Druck der herrschenden Produktionsverhältnisse—Effizienz, Effizienzsteigerung, Übertragung ökonomischer Organisationsprinzipien auf alle Lebensbereiche, globale Herrschaft der Ökonomie—durch diesen permanenten Zwang wird die Herstellung einer vollständig nutzbaren Zeit zu gewährleisten versucht.“[2]

Friedrich Nietzsche

Aber das Denken der Philosophie ist unzeitgemäß –

und die Künste, verhandeln sie nicht das Unzeitgemäße?

Nicht in der Freiheit der Kunst,

in ihrer Unzeitgemäßheit liegt die bleibende Kraft

aller Gegenwartskunst und Philosophie.

 

Arts-based-Philosophy , die Verbündung von Kunst und Philosophie, wäre demnach ein Feld für das In-Erscheinung-treten des Unzeitgemäßen.

Indem künstlerisches Forschen das Unzeitgemäße erfragt und erforscht, arbeitet es aktiv an der Hervorbringung einer Zeit, um deren Kommen es sich sorgt, dessen Kommen es besorgt.

 

So verstanden, ist das Denken der Philosophie keine Theorie.

Es ist eine Praxis.

Es bewegt die Zeit,

bringt sie ins Rollen.

Ein so geartetes Denken ist eine Bewegung:

Eine Bewegung der Zeit.

D. h. eine Bewegung der Bedingungen,

aus denen wir geworden sind,

aus denen wir werden.

Das Denken der Philosophie denkt das Kommende,

noch bevor es da ist.

Es springt voraus in die Zukunft, pre-acceleration,

um sie spekulativ aufzuschließen.

Das Denken des Unzeitgemäßen lädt das Kommende ein, zu kommen.

Es ist immer schon Vorspiel der Zukunft,

die es willkommen heißt.

Libidinöses Vorspiel,

lustvolles Begehren,

fröhliche Wissenschaft—Gay Science,

ein Widerstand gegen die Zeit,

zugunsten einer kommenden Zeit.

 

Nietzsches Streitschrift Jenseits von Gut und Böse trägt nicht umsonst den Untertitel: Vorspiel einer Philosophie der Zukunft

Akteur_in C

„Care for the event“. Die Arbeiten von Erin Manning und Brian Massumi weisen in dieselbe Richtung, wenn sie in ihrem SenseLab in Montreal von den Künsten und der Philosophie fordern „trage Sorge, dass es künftig anders kommen wird als bisher.“[3]

Friedrich Nietzsche

Jacques Derrida hat in seiner Politik der Freundschaft (dt. 2000) den Satz „Ach! Wenn ihr wüsstet, wie es bald, so bald schon—anders kommt! …“ (Derrida 2000, 58) zum paradoxen Grundsatz einer Demokratie der Zukunft erklärt.

Demokratie der Zukunft soll in diesem Fall nicht einfach heißen, dass dieser Modus einer stets im Kommen befindlichen Politik der Freundschaft noch nicht verwirklicht ist. Der Genetiv charakterisiert vielmehr die eigentümliche Art und Weise, von der her sich eine solche Form von Gesellschaft selbst versteht. Eine Demokratie der Zukunft gibt es nur, solange sie sich selbst für ihre eigene Veränderbarkeit und Ereignishaftigkeit offen hält.

Dagegen glauben Leute wie Francis Fukuyama, so in The End of History and The Last Men (1992) noch daran, im Vorhinein davon ausgehen zu können, dass die globale Verwirklichung liberaler Demokratien das endgültige Ende der Menschheitsgeschichte gewesen sein wird. Aber es gibt sie, die rätselhafte Unruhezone des Unzeitgemäßen …

Akteur_in D

Das Werden, ohne finales Ende,

sich selbst da capo zurufend,

bedeutet für Nietzsche die Rückkehr des Menschen

in die Unschuld des Werdens.

Aus dem unaufhörlichen Werden eine unaufhörliche Bejahung machen.

Eintritt in die nicht enden wollenden Ewigkeitsschleifen des Werdens,

das ist der dionysische Taumel der Immanenz,

die Bewegung der Ewigkeit in sich selbst,

das Leben der Immanenz.

 

Schon Heraklit hat es gesagt: „Diese Welt, dieselbige von allen Dingen, hat weder der Götter noch der Menschen einer gemacht, sondern sie war immer und ist und wird immer sein ein ewig lebendiges Feuer, nach Maßen sich entzündend und nach Maßen erlöschend.“ (Capelle 1968, 142 [B 30])

Friedrich Nietzsche

„Ach! Wenn ihr wüsstet, wie es bald, so bald schon—anders kommt! …“.

Ist dieser Satz eine Aussage?

Ist er eine Aufforderung?

Vielleicht sogar ein Befehl?

Oder ein Versprechen,

ein Anreiz,

ein Ansporn,

ein Antrieb,

eine Triebfeder,

eine Verlockung,

eine Verführung –?

Oder ist er eine Drohung gegenüber jenen,

die den Glauben an systemische Veränderungen verloren haben?

 

Man mag sich zum Beispiel vorstellen, wie die Verhandlungen der griechischen Regierung auf dem Hintergrund des Satzes „Ach! Wenn ihr wüsstet, wie es bald, so bald schon—anders kommt“ verlaufen wären. Wenn Alexis Tsipras zu den Repräsentant_innen der großen Troika etwa gesagt hätte: „Eure Austeritätspolitik ist am Ende. Mit Euren Sparmaßnahmen habt ihr unser Land in den Ruin gestürzt. Nichts ist eingetreten, was ihr vorausgesagt habt. Ihr habt Euch verspekuliert, das zeigen die Zahlen. Die Verarmung großer Teile unseres Volkes sprechen gegen Euch, gegen eure Maßnahmen, auch gegen Eure Spekulationsapparaturen. Ich sage Euch, eine andere Zeit ist schon angebrochen, die andere Maßnahmen fordert als jene, die ihr immer noch empfiehlt. Ihr werdet sehen. Wir sind das Ohr einer andersartigen Zukunft, indem wir uns—unzeitgemäß—gegen das Prinzip der Privatisierung von Gewinnen und die Verstaatlichung von Schulden zur Wehr setzen. Ihr habt Euren ‚Kredit‘ bei der Bevölkerung verspielt.“ Dagegen hört man die Chefverhandler_innen der großen Troika mit demselben Satz kontern: „Ach! Wenn ihr Griechen wüsstet … Es wird ganz anders kommen, als ihr vermutet. Wir sagen Euch, was kommen wird, wenn die Griechen unsere Bedingungen nicht umsetzen. Griechenland wird noch tiefer in Armut und Chaos versinken. Ihr werdet sehen, wir werden am Ende recht behalten haben. Es wird so kommen, wie wir es von Anfang an vorausgesagt hatten. Ihr werdet sehen …“

Akteur_in E

Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Disziplin. Die normierende Sanktion:

„Strafbar ist alles, was nicht konform ist. Unter das Strafsystem der Disziplin fällt die Abweichung von der Regel. Deshalb arbeitet im Herzen aller Disziplinarsysteme ein Strafmechanismus, der mit seinen eigenen Gesetzen, Delikten, Sanktionsformen und Gerichtsinstanzen so etwas wie ein Justizprivileg genießt. Mit einer solcherart hierarchisierten und stetigen Überwachung zur Erhöhung der Produktivität wird die Disziplinargewalt ein ‚integriertes’ System, das von innen her mit der Ökonomie und den Zwecken der jeweiligen Institution verbunden ist.“[4]

Friedrich Nietzsche

Eine andere Zukunft ist schon fast da.

Eine begehrlichere Zukunft

als spekulatives, virtuelles Versprechen.

Wer sieht sie kommen?

Wer ruft sie hervor?

Sehen wir sie nicht alle kommen?

 

Wer sind wir?

Wer ist mit diesem wir gemeint?

 

Derrida nannte den Grundsatz seiner Demokratie der Zukunft „Ach! wenn ihr wüsstet, wie es bald, so bald schon anders kommt…“ in seinen Politiken der Freundschaft einen überstürzten Urteilsspruch (vgl. Derrida 2000, 59).

Akteur_in F

„Aktiv werden,“ schreibt Gilles Deleuze in Nietzsche und die Philosophie, Nietzsche zitierend, „heißt unzeitgemäß werden“—„das heißt gegen die Zeit und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zugunsten einer kommenden Zeit—zu wirken.“ (Deleuze 1991, 118)

Friedrich Nietzsche

Ist nicht das Feld der Zukunft,

das wir spekulativ antizipieren,

letztlich immer schon markiert durch den kommenden Tod?

Unser aller Tod versetzt uns vorab vor unser eigenes Grab,

vor dem einst andere stehen werden.

Was wir im Vorlaufen zum Tod virtuell anrühren,

ist nicht nur die Frage des eigenen Todes,

es ist vor allem auch die Frage des Überlebens;

des Überlebens unserer Herzenswünsche

Andere werden uns überlebt haben. Das ist sicher.

Sie werden unsere Lebenszeit überdauert haben.

Werden sie dem von uns angestimmten Vorspiel

einer Philosophie der Zukunft die Treue halten?

Akteur_in G

Wird er im Kommen bleiben,

der Herzenswunsch,

der uns überlebt haben wird?

An welche Frage rühren wir da?

Ist es nicht die Frage des Lebens der Immanenz selbst?

Es gibt einen Herzenswunsch, den wir weitergeben möchten:

Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit …

Friedrich Nietzsche

In Politik der Freundschaft gibt Derrida zu bedenken, dass eine Demokratie der Zukunft aus diesem Grund nach einer besonderen Form von Freundschaft verlangt. Denn sie, die Freunde dieses Versprechens einer Demokratie der Zukunft wissen, dass es sich dabei um die innerzeitliche Bewahrung eines Versprechens handelt, das per se eine posthume Dimension in sich birgt. Aber nicht im Sinne des spekulativen Versprechens einer überirdischen Transzendenz. Vielmehr im Sinne einer irdischen Bewegung, die kraft der Solidarität jener, die uns überlebt haben werden, unterwegs bleiben wird, weil sie, da capo rufend, dieses Versprechen wieder und immer wieder bejahen.

 

Hiermit rühren wir an die Krux

von Nietzsches abgründigstem Gedanken,

dem Gedanken der ewigen Wiederkunft des Gleichen.

 

Wie ein Erbe, wie ein Versprechen der Zukunft kreieren,

dessen Wiederkunft von kommenden Generationen

aktiv bejaht werden kann?

Aktiv bejaht werden will,

ohne diese Entscheidung nachträglich bereuen zu müssen?

Ohne schlechtes Gewissen und Bedauern?

Ohne müde/mürbe gewordenen Magen?…

Akteur_in H

Gilles Deleuze in Nietzsche und die Philosophie: „Die Orte des Denkens sind die tropischen Zonen, vom tropischen Menschen heimgesucht. Nicht die gemäßigten Zonen und nicht der maßvolle, methodische oder moralische Mensch.“ (Deleuze 1991, 121)

Friedrich Nietzsche

Vielleicht handelt es sich hier um Orte

des Versprechens eines entschuldeten Lebens,

an dem die Hegemonie der Deutung des Wortes „Kredit“

im ökonomisch-moralischen Sinne

von Schuld, Schulden, Glauben, Gläubiger

außer Kraft gesetzt worden sein wird?

Wo vielmehr die alte Bedeutung des Wortes „Kredit“

wieder gebräuchlich wurde,

die nichts anderes aussagt,

als dass einer Sache oder Person

vorab unser Vertrauen geschenkt wird.

Wo es also nicht mehr um Verrechnung

von Schuld und Schulden,

nicht um schlechtes Gewissen,

nicht um eine Entwertung des irdischen Lebens geht,

sondern um ein Leben der Immanenz?

 

Was hat das verrechnende Denken

aus dieser generösen Haltung nur gemacht?

Unbedingtes Vertrauen, vorab,

in das, was gekommen sein wird,

noch bevor wir sein Antlitz gesehen haben,

ist zu einem Tauschwert geworden…

Akteur_in I

Universitätsgesetz 2002 § 14. Abs. 1

„Das Universitätsgesetz 2002 gebietet zwingend den Aufbau eines Qualitätsmanagements. Im Weiteren bezieht sich § 14 auf universitätsexterne und -interne Evaluierung. […] Neben Effizienz und Effektivität der Leistungserbringung ist auch deren Qualität ein zentraler Gedanke des New Public Managements. Qualitätssicherungssysteme betonen insbesondere die Steuerung und Kontrolle der Qualität. […] Der internationale Trend geht in Richtung der Frage, ob und wie Qualitätsmanagementsysteme in Universitäten implementiert werden können und welche Elemente des ‚Total Quality Managements‘ relevant sein könnten.“ (Mayer 2010, 31-33)

Friedrich Nietzsche

Das Denken hängt ab von den Kräften,

die sich seiner bemächtigen.

Welche Kraft des Denkens denkt?

Kräfte der Verneinung?

Reaktive, vergiftende Kräfte?

Kräfte des Ressentiments,

die sich am Leben rächen

und es von dem trennen,

was es kann?

Oder Kräfte der Bejahung,

der Freude und Dankbarkeit

gegenüber dem Leben?

Aktive Kräfte,

schöpferische Kräfte?

Schaffende Kräfte …

Akteur_in J

Gerade so, wie ein Tyrann die Unlust der Seelen braucht, um erfolgreich zu sein, ebenso brauchen trübselige Gemüter zu ihrer Erhaltung und Ausbreitung einen Tyrannen, um sich mit ihm an der Trübsal ihres Lebens zu rächen (vgl. Deleuze 1988, 37).

Friedrich Nietzsche

Kann die Widernatur des Lebens,

in der es sich selbst Todfeind wird,

selbst noch zur Definition von Leben gehören?

Was bedeutet er,

dieser real existierende Selbstwiderspruch

des Lebens im Leben,

dieser Todestrieb,

in dem sich das Leben gegen das Leben,

gegen sich selbst richtet?

Er taucht überall auf,

in allen Kulturen,

immer wieder,

als ob die Negation des Lebens,

seine wilde Zerstörung,

zur Definition des Lebens gehören würde.

Als ob die Lust am Wehetun,

die Rache am Leben,

der Wille zum Nichts,

die Destruktivität unausrottbar wäre.

Jenseits des Lustprinzips.

Akteur_in L

„Den reaktiven Kräften ist es […] eigen, sich allem zu widersetzen, was sie nicht sind und das Andere zu begrenzen. Bei ihnen ist die Negation primär, durch die Negation erlangen sie den Anschein von Bejahung.“ (Deleuze 1965, 27)

„Diesen allgemeinen Sieg der reaktiven Kräfte und des Willens zur Verneinung nennt Nietzsche ‚Nihilismus‘“ (Deleuze 1965, 27).

Friedrich Nietzsche

Universalisierung einer sklavischen Mentalität,

ein Reaktiv-werden der aktiven Kräfte.

Ein Kraftloswerden des Lebens,

eine trübselige Vergiftung des Lebens,

letztlich eine asketische Verneinung des Willens überhaupt,

ein fanatischer Wille zum Nichts,

ein Aggressionsrausch gegen das Leben,

gegen die Erde,

gegen den Leib,

gegen die Souterrains im Leib,

dieser fanatische Wille zum Nichts,

der sich ein über-sinnliches Leben erträumt,

um das sinnliche Leben zu erniedrigen,

er ist es, der sich im Todestrieb weltweit entlädt.

 

Um lieber noch das Nichts zu wollen, als nicht zu wollen, muss in der Leibes-Tiefe solcher Leute in der Tat „ein Ressentiment sonder Gleichen“ herrschen: „das eines ungesättigten Instinktes und Machtwillens, der Herr werden möchte, nicht über Etwas am Leben, sondern über das Leben selbst, über dessen tiefste, stärkste, unterste Bedingungen“ (Nietzsche 1999, KSA 5, 363).

Akteur_in M

„Niemand, sage ich, verschmäht Nahrung oder nimmt sich das Leben aus der Notwendigkeit seiner eigenen Natur, nur die tun es, die von äußeren Ursachen dazu gezwungen werden, was auf viele Weise geschehen kann.“ (Spinoza 2007, 415 [4p20s])

Und so besteht die ethische Aufgabe für Spinoza in Bezug auf solche Leute darin, die Herzen all jener wieder zu befreien, die durch äußere knechtische Verhältnisse daran gehindert werden, ihrer eigenen Strebensnatur Ausdruck zu verleihen. Damit es auch für sie wieder gute Gründe gibt, danach zu trachten, sich selbst im eigenen Dasein inmitten der Welt am Sein zu erhalten.

Friedrich Nietzsche

Die Stärke einer Kraft leitet sich erst

aus ihrer Beziehung zu anderen Kräften ab.

Eine Kraft ist keine Kraft.

Kraft ist der Maßstab,

der die Beziehung von einem zum anderen reguliert.

Der Zug, die Tension in unserer Be-Ziehung zu anderen.

Eine Form des Mit-seins, des Mit-ein-ander-seins,

des In-Berührung-seins mit anderen,

das ist es, was Nietzsche unter Kraft versteht.

Eine intensive Form der wechselseitigen,

gegenseitigen, physischen, physiologischen

Vergesellschaftung von Körpern,

die Mit-ein-ander, Für-ein-ander, Gegen-ein-ander, Unter-ein-ander

in Be-Ziehung stehen und damit ein Kraftgefüge bilden.

Ein Ensemble von Machtverhältnissen,

von Wille zur Macht, wie Nietzsche sagen würde.

 

Wie Kraftgefüge zwischen Körpern generieren,

die fähig sind, Mit-Freude unter-ein-ander zu generieren?

Das war die entscheidende Frage in Spinozas Ethik.

Kräfte sind keine Dinge, sie sind Körper in Berührung .

Zustände des Werdens, des Übergangs,

von einem zum anderen

drängend, hinziehend,

sich selbst fliehend.

 

Körper überfliegen sich,

hin zu anderen Körpern.

Wenn sie an sich ziehen,

ziehen sie andere mit.

Es gibt keine Körper an sich.

Es gibt sie nur in Bezügen zu anderen.

Als Kraft-Gemenge, Kraft-Gezüge,

Als Assemblage von Kräften.

 

Was ist eine fröhliche Wissenschaft?

Sie fördert die Heiterkeit.

Sie trachtet danach,

zwischen Körpern Freude zu stimulieren.

Ethik ist nicht Moral,

Ethik vollzieht sich im Touchieren der Körper

unter-ein-ander, mit-ein-ander.

Ein taktvolles Berühren, das stimuliert.

Deleuze nannte Spinoza den Prinzen der Philosophie,

weil er an die Stelle einer Ethik der Furcht

eine Ethik der Freude—setzte.

 

Felicitas, Freude überlebt.

Sie überlebt uns,

weil sie die Essenz unseres Lebens ist.

 

Virtus, Kraft,

gegenseitige Berührung,

ein Affekt,

ein Rausch,

eine Schwungkraft des Werdens,

des Aktiv-Werdens.

 

Außer-sich-sein,

ist das Leben der Immanenz:

ein Über-Sich-hinausgehen,

Über-Sich-hinauswachsen,

Über-Sich-hinaus-werden-können.

Akteur_in N

„Nietzsche sagt, der Wille zur Macht besteht weder darin, heftig zu begehren, noch auch darin, zu nehmen, sondern darin, zu schaffen und zu schenken.“ (Deleuze 1965, 26)

Friedrich Nietzsche

Unschuld des Werdens kann als der Akt in der Kulturgeschichte der Natur gelesen werden, in dem die moralisch-ökonomische Ent-Schuldung des Lebens stattfindet. Der Nihilismus betrachtet das Werden als eine Sache, die man büßen muss und die vom Sein resorbiert werden muss.

Die Unschuld des Werdens hingegen will das Aktiv-Werden der Kräfte, den Triumph der Bejahung, der Selbstbejahung des Lebens im gemeinsam geteilten Feld einer Welt.

Akteur_in O

Die ewige Wiederkehr ist nicht wahllos.

Sie lässt nur das, was von uns bejaht wird,

bejaht wurde, wiederkehren.

Sie lässt mich aufgrund meiner Bejahung,

meiner Herzenslust wiederkehren.

Friedrich Nietzsche

Was Zarathustra krank macht, ist die Idee des Kreislaufes als Leier-Lied des ewig Gleichen. Die ewige Wiederkehr des Gleichen hingegen bejaht die Ewigkeitsschleifen des Werdens, das Aktiv-Werden des Lebe-Wesens Mensch, das fähig wird, das irdische Leben zu bejahen.

Eine Lebensform, die den Mut besitzt, sich den reaktiven Kräften entgegenzustellen, indem sie aus sich selbst heraus Werte kreiert, die ein aktives, irdisches, freudvolles Leben ermöglichen.

Dazu braucht es ein neues Bild des Denkens, das Vorspiel einer Philosophie der Zukunft, eine Fröhliche Wissenschaft, eine Gay Science, deren irdischer Körper das Leben der Immanenz modal nachzuahmen vermag.

 

Wissen wir, was ein Körper kann?

 


Endnoten

[1] Der vorliegende Text wurde im Rahmen des Forschungsprojekts „Artist-Philosophers. Philosophy AS Arts-based Research“ verfasst, das vom Austrian Science Fund (FWF): AR275-G21 im Rahmen des Programms zur Entwicklung und Erschließung der Künste (PEEK) gefördert wird. Einzelne Passagen dieses Textes waren Teil eines Leitartikels für den steirischen herbst (vgl.: Böhler 2015, 6-9). Teile der Zitat-Collagen waren Bestandteil des Artikels „Corpus delicti. Denken, ein Ort des Verbrechens“, Arno Böhler, Susanne Valerie Granzer (2013), 251–267.

[2] Textcollage aus Foucault (1994), 193–202. Vgl. Böhler und Granzer (2013), 254.

[3] Vgl. Böhler und Manning (2014), 14.

[4] Textcollage aus Foucault (1994), 230–231. Vgl. Böhler und Granzer (2013), 257.


Bibliographie

Böhler, Arno. 2015. „Archive der Zukunft. ‚Ach! Wenn Ihr wüsstet, wie es bald, so bald schon—anders kommt!‘“ herbst. Theorie zur Praxis, 2015.

Böhler, Arno, und Granzer, Susanne Valerie. 2013. „Corpus delicti. Körper, ein Ort des Verbrechens.“ In Korporale Performanz. Zur bedeutungsgenerierenden Dimension des Leibes, herausgegeben von Arno Böhler, Christian Herzog und Alice Pechriggl, 151–267. Bielefeld: transcript.

Böhler, Arno, und Manning, Erin. 2014. „Interview: Do we know what a body can do? #1“ In Wissen wir, was ein Körper vermag? Rhizomatische Körper in Religion, Kunst, Philosophie, herausgegeben von Arno Böhler, Susanne Valerie Granzer und Krassimira Kruschkova, 11–21. Bielefeld: transcript.

Capelle, Wilhelm, Übers. 1935. Die Vorsokratiker: Fragmente und Quellenberichte. Kröner: Leipzig.

Deleuze, Gilles. 1965. Nietzsche. Ein Lesebuch. Übersetzt von Ronald Voullié. Berlin: Merve.

———. 1991. Nietzsche und die Philosophie. Übersetzt von Bernd Schwibs. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt.

———. 1988. Spinoza. Praktische Philosophie. Übersetzt von Hedwig Linden. Berlin: Merve.

Derrida, Jacques. 2000. Politik der Freundschaft. Übersetzt von Stefan Lorenzer. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Nietzsche, Friedrich. 1999. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden, herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. 3. Auflage. München/Berlin/New York: DTV Walter de Gruyter [=KSA].

Foucault, Michel. 1994. Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Fukuyama, Francis. 1992. The End of History and The Last Men. New York: Free Press.

Mayer, Heinz, Hrsg. 2010. Kommentar zum Universitätsgesetz 2002. 2. Auflage. Wien: Manz.

Spinoza, Baruch de. 2007. Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt. Neu übersetzt und herausgegeben von Wolfgang Bartuschat. Hamburg: Meiner.

 

Biographie

Arno Böhler ist Universitätsdozent am Institut für Philosophie der Universität Wien und Gründer des Performance-Philosophie Festivals Philosophy on Stage. Derzeit leitet er das Forschungsprojekt „Artist-Philosophers: Philosophy AS Arts-based-Research“ an der Universität für angewandte Kunst Wien, gefördert vom Austrian Science Fund (FWF): AR275-G21. Böhler ist Mitbegründer des Forschungszentrums für artistic research und arts-based philosophy in Indien BASE art philosophy ecology sowie Leiter des dortigen Residenzprogramms.

Forschungsaufenthalte an der Universität Bangalore, der Universität Heidelberg, der New York University und Princeton University. Einladung zu Gastprofessuren am Institut für Philosophie der Universität Wien, an der Hochschule für Künste Bremen, an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien (Max Reinhardt-Seminar) sowie an der Universität für angewandte Kunst Wien. 1997, gemeinsam mit der Schauspielerin Susanne Valerie Granzer Gründung der wiener kulturwerkstätte GRENZ-film.

http://homepage.univie.ac.at/arno.boehler/php/



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