Figurationen von Immanenz. Das Ereignis: Schreiben[1]

Elisabeth Schäfer, Universität Wien

 

Ouvertüre

Dieser Text ist, kann und will nicht mehr sein als ein Feld für eine unabgeschlossene Begegnung mit dem Begriff der Immanenz. Eine Eröffnung. Ouvertüre. Nichts werde ich in und mit diesem Text klären, erklären, abschließend definieren können. In der Auseinandersetzung mit dem Begriff oder vielmehr der Ebene der Immanenz und einem Schreiben zur Immanenz oder in Immanenz stellt sich wieder und wieder die Frage: Wie können wir die Seiten, auf denen wir schreiben, klären, wie glätten, wie können wir sie säubern? Ruft Immanenz, die ein Plan ist, wie Deleuze sie denkt, nicht selbst schon so viel auf den Plan, dass die Seiten zuallererst planiert werden müssten, um …

Es geschieht in seltenen Momenten, dass Immanenz selbst im Prozess des Schreibens auftaucht, das sie sich zeigt. Dem Schreiben immanent ist. Um diese Momente geht es. Wenn die Immanenz sich selbst immanent, wenn sie dem Schreiben immanent ist. Ich bin nicht sicher. Ich kann sie nicht fassen. Ich würde lügen, würde ich sagen, dass ich sie fangen könnte. Sie lässt sich nicht fangen, sie lässt sich nicht fassen. Sie verschwindet viel zu oft. Sie lässt sich nicht feststellen im Schreiben. Wenn sie da ist, rauscht sie mit.

Bisweilen denke ich auch, Immanenz hat mit Mathematik zu tun, dann wieder wendet sie sich ins Mystische. Dann wieder erscheint sie als fundamentales philosophisches Konzept, allerdings nicht in einem Kantischen Sinne, im Sinne einer unbedingten Bedingung. Dann wieder …

Dieser Text wird also explizit nicht von einer glamourösen Virtuosität sein. Er ist langsam geschrieben. Vielleicht eher noch meditiert. Geträumt. Oder im Erwachen geschrieben. Langsam, zögernd, wartend. Ob sich, bis sich etwas zeigt—von Immanenz.

Inmitten in dieser Annäherung an die Immanenzebene schreibe ich bereits in ihrem Milieu, in ihrem Feld. Und ich sitze im Milieu, im Feld anderer Texte, den Texten von anderen, den Gedanken anderer. Ich sitze in der Mitte von Deleuze, Derrida, Cixous, Spinoza, Lispector, Braidotti. Vielleicht werden sie nicht alle direkt zitiert. Vielleicht zeigen sie sich nur hier und da, mal mehr oder weniger leise rauschend im Zuge des Schreibens. Daher sind sie jedoch nicht weniger Zeug_innen dieser Annäherung.

 

Es beginnt.

 

Ein_e Maler_in trifft nicht auf eine leere Leinwand und eine Autor_in schreibt nicht auf einer blanken Seite. Im Gegenteil. Leinwand und Papier scheinen bereits voll zu sein, bevor gezeichnet, geschrieben, komponiert etc., wird. Die Flächen sind gefüllt mit bereits existierenden Zeichen, Archiven, Klischees usw. Als würde es zunächst notwendig, Leinwand und Papier zu reinigen, zu säubern, zu glätten, etwas herauszureißen sogar, „[…] um ein wenig freies und windiges Chaos hereindringen zu lassen und in einem plötzlichen Lichtschein eine Vision zu rahmen, die durch den Schlitz erscheint […]. (Deleuze und Guattari 2000, 241)

Wie zu einer Öffnung durchdringen?

So sitze ich hier. An meinem Schreibtisch. So sitze ich und warte, auf „ein wenig freies und windiges Chaos“, das eine Schneise freiwehen könnte. So sitze ich vor einer leeren Seite, die bereist so massiv gefüllt ist. Wie kann ich sie freilegen, wie glätten, wie kann heraus geschnitten werden, was sich darauf gelegt hat in all der Zeit?!

An einem sehr frühen Morgen sitze ich hier. Und es ist als würde die Welt schlafen. Sogar der Hund schläft. Atmet. Und träumt. Das denke ich zumindest, denn sie bellt von Zeit zu Zeit im Schlaf. Es ist ein sehr früher Morgen. Und es ist, als würde die Welt schlafen.

Ob die Welt jemals schläft? Oder gibt es vielmehr etwas—in der Welt—das kontinuierlich schläft. Vielleicht träumt es. Und was es träumt, das sind wir. Figuren einer traumartigen Fiktion, die sich selbst aktiv weiter er/träumen können, was und wer sie werden inmitten, durch und aus dieser Fiktion. Die sich mit diesen Träumen fiktionalisieren und damit im Werden sind und bleiben; Werdende im Strom der Fiktion.

Die Seite plätten, planieren. Es gibt Stimmen, die sagen, Schreiben sei ein Akt der Grausamkeit. Im Schreiben kann sich nur Wort für Wort vorgearbeitet werden. Wort um Wort muss in die Seite gestochen, gestanzt, gepresst werden—wie Stiche, Nähte, Tätowierungen in eine Haut. Oder auch: ein präzises Beißen. Mit scharfen Zähnen werden die Worte ausgewählt, herausgebissen. Nur diese Worte. Andere nicht. Im Schreiben wird selektiert. Im Schreiben wird benannt. Im Schreiben wird identifiziert. Im Schreiben wird definiert. Sogar dann, wenn eine_r das nicht will. Ja, das ist ein Akt der Grausamkeit. Und vor dem kann nicht geflohen werden. Im Schreiben.

 

Und was ist mit der leeren Seite?!

Was ist mit dem Kampf mit der massiv gefüllten, leeren Seite?!

 

Bevor auch nur ein einziges Wort geschrieben werden kann, ist es, als müssten Tonnen von Worten, von Bedeutungen, von Anrufungen gelöscht werden. Ausradiert. Geplättet. Bevor auch nur ein einziges Wort geschrieben werden kann, muss all dies mit der Hand genäht werden. Gekettelt (elastische, kettenähnliche Nähte nähen). Und das ist nicht nur wahr für Maler_innen, Schreiber_innen und Autor_innen von Literatur, wie uns Deleuze und Guattari zeigen. Was ist mit denen unter uns, die Philosoph_innen sind?

Gegenwärtig findet sich die Philosophie in einer nicht müde werdenden Maschine der Produktion wieder: Schreiben, peer reviews retour bekommen, überarbeiten, veröffentlichen—mit etwas Glück—und oder neu schreiben, neu einreichen, neu peer reviews erhalten. Schreiben, scheitern, schreiben, veröffentlichen, erneut scheitern. Besser scheitern.

Und zugleich es ist wahr, die Bühne der Philosophie ist nicht allein die Bühne des Papiers. Sogar wenn—vielleicht—Derrida genau das versucht hat zu behaupten. Philosophie findet nicht allein im Schreiben statt. Aber zur Zeit sind wir im Feld der Philosophie mit sehr viel Schreibarbeit konfrontiert.

 

Aber: Konfrontieren wir uns tatsächlich mit dem Schreiben?!

Wirklich?!

Konfrontieren wir uns wirklich mit den leeren Seiten—mit der Leere und der Masse all der Beschriftungen, die sogar die leere Seite immer schon füllen?!

Konfrontieren wir uns—indem wir also, wie das Wort sagt, an- und mit-grenzen mit dem Schreiben. Körper an Schrift, Schrift an Körper. Körper mit Schrift. Schrift mit Körper.

Oder gehen wir das pragmatisch, praktisch an und das Schreiben startet mit copy and paste?! Noch mehr Fülle auftragen. Die Seite noch dichter bedecken. Ist das nicht seltsam?!

Vielleicht besteht ein Teil des Problems darin, dass wir die meiste Zeit am Computer schreiben. Nicht weil einige Computer „Personal Computer“ genannt werden und gerade nicht persönlich sind, vielleicht eher noch als „Personal“ fungieren … Das Problem wird dort virulent, wo Computer Büros sind und bürokratische Arbeitsstile fördern. Wir verwalten an unseren Computern. Wir kommunizieren, geschäftlich und privat, via Email und Skype. Wir lesen und schreiben. Wir verfassen Vorträge und Artikel, Forschungsanträge. Wir schreiben Gedichte, Liebes- und Abschiedsbriefe. Wir speichern unsere Fotos, wir posten und kommentieren in Sozialen Netzwerken. Wir sehen Filme, wir organisieren unsere Finanzen. Wir können nahezu alles mit unseren Computern verwalten. Sind wir dabei—frei?

Oder ist es nicht vielmehr auch eine Art der Selbstausbeutung und Selbstdisziplinierung. Wir müssen entscheiden, wann es Zeit ist, sich auf den Text, den Vortrag, das Gedicht, das nächste Buch, das zu bearbeitende Manuskript, das Filmprojekt oder die Komposition zu konzentrieren. Welche App die App für den Moment ist, appelliert an die Kraft und alleinige Verantwortlichkeit des Subjektes zur Entscheidung. Jede App ist an erster Stelle eine Selbst-Applikation. Es ist unser Job.

 

Wie leeren wir also eine Seite, die ein Screen ist?! Alles ist belegt. Unmöglich Platz zu schaffen. Wie hier eine Lücke finden für „ein wenig freies und windiges Chaos“?

 

Glätten. Radieren. Ausschneiden. Blank machen. Freilegen.

Was ist das? Was kann das sein? Ein Akt des Säuberns? Bevor eine sich hinsetzen und sich dem Schreiben, dem Zeichnen etc. widmen kann?

Ein Akt, Raum zu machen? Raum im Raum der Seite zu machen. Muss der Raum, den das Schreiben braucht, ein leerer Raum sein und gibt es einen leeren Raum—auf einer Seite? Oder muss die Seite porös gemacht werden, müssen die Poren freigelegt werden, die ohnedies dort zu finden sind. Oder müssen Löcher, Lücken neu erfunden werden in all dem Material, das die Seite verstopft.

Streiche über deine Seite als wäre sie ein Horizont, sage ich zu mir. Ich würde liebend gerne über diese Oberfläche fliegen und sie zugleich doch berühren können—mit den Federn der Schreibflügel vielleicht. Voler. Fliegen und Stehlen. Das können wir von Hélène Cixous’ Medusa lernen:

Es ist kein Zufall wenn ,voler‘ mit beiden Bedeutungen von ,vol‘ spielt, Diebstahl und Flug, in den Genuß der einen und der anderen kommt und die Sinnpolizei verwirrt. Es ist kein Zufall: die Frau hat Ähnlichkeiten mit Vogel und Dieb so wie der Dieb der Frau und dem Vogel gleicht: flugs sind sie vorbei, männlich-weiblich, sie fliehen, sie freuen sich diebisch, weiblich-männlich, die räumliche Anordnung durcheinander zu bringen, in der Orientierung zu stören, die Möbel, Dinge, Werte zu verschieben, einzubrechen, die Rahmenstrukturen zu leeren, Eigentum umzustürzen. (Cixous 2013, 53)

Apropos: Das Mobiliar ändern! Dieser Text wurde erstmals präsentiert im Rahmen der Konferenz „The Concept of Immanence“, organisiert im Rahmen des FWF PEEK-Projektes „Artist-Philosophers. Philosophy AS Arts-based Research“ [AR 275-G21]. Im Vorfeld dieser Konferenz haben Arno Böhler, Susanne Valerie Granzer, Hans Hoffer und ich gemeinsam das Mobiliar verschoben, wir haben den Raum versucht zu öffnen, zu glätten, um ihn schließlich porös zu machen, wo er zu dicht gefüllt war, sodass das Ereignis der Konferenz nach Möglichkeit eine Chance haben würde, anzukommen. Wir haben Schriftzüge für die Wände entworfen. Wir haben Möbel gerückt, um Öffnungen zu schaffen, Poren für „ein wenig freies und windiges Chaos“. Die Immanenzebene, wie Deleuze/Guattari sie denken, „ist eine […], die den absoluten Boden der Philosophie darstellt, ihre Erde oder ihre Deterritorialisierung, ihr Fundament, auf denen sie ihre Begriffe erschafft.“ (Deleuze und Guattari 2000, 49–50) Es ging also darum, ein Territorium zu deterritorialisieren, um es zu öffnen, damit die Auseinandersetzung mit Immanenz eine Stätte finden kann.

In Was ist Philosophie? beschreiben Deleuze und Guattari die Immanenzebene als einen „Schnitt durch das Chaos und [sie, Hinzufügung, E. S.] wirkt wie ein Sieb“ (Deleuze und Guattari 2000, 50), ein poröser Grund.

Die Immanenzebene ist durchsetzt von einer Multitude von Ebenen, die bisweilen miteinander verknotet, bisweilen getrennt voneinander vorliegen. Daher sprechen Deleuze und Guattari von der Zeit der Philosophie als einer geschichteten Zeit, eine Zeit durchsetzt von Schichten mit einer fragilen, fraktalen, brüchigen, weil veränderlichen Oberfläche.

 

Hier sitze ich. Schreibe als würde ich fliegen. Wie gerne würde ich diese brüchige Oberfläche einer philosophischen Zeit berühren. Sie nicht nur überfliegen. Fliegen und Berühren. Und stehlen. Sich davon stehlen, vielleicht auch, um eine andere zu werden … vielleicht überhaupt zu werden, sich vom überstarken „s/ich“ davonzustehlen.

Sich davonstehlen, entfliegen, das ist die Bewegung der Frau, in der Sprache stehlend entfliegen, die Sprache dazu bringen sich flugs davonzustehlen. Was Stehlen und Entfliegen betrifft, so haben wir alle die zahlreichen Fertigkeiten dieser Kunst erlernt, da wir seit Jahrhunderten nur verstohlen Zugang zum Haben finden. Da wir wie im Fluge, verstohlen, von Diebereien gelebt haben und unser Begehren auf schmale, geheime Querverbindungen gekommen ist. Es ist kein Zufall wenn ‚voler‘ mit beiden Bedeutungen von ‚vol‘ spielt, Diebstahl und Flug, in den Genuß der einen und der anderen kommt und die Sinnpolizei verwirrt. (Cixous 2013, 53)

Fliegen, also. Die Praxis des Schreibens als Fliegen. Ein Schreiben, das fliegen kann, das es erlaubt, sich und andere, anderes davonzustehlen, zu bewegen, zu zerstreuen, zu übertragen. Ein Schreiben, das sogar ein Nicht-Schreiben sein, das ein anderes als Schreiben sein kann. Ein Schreiben, das ein anderes werden kann. Ein Schreiben, das das Denken berührt. Denken wird. Ein Schreiben, das sein Potential freilegt, offen zu sein. Nicht Festschreiben/d.

 

Deleuze und Guattari schlagen vor, dass es vielleicht „die höchste Geste der Philosophie [ist, Hinzufügung E. S.]: nicht so sehr DIE Immanenzebene denken, sondern zeigen, daß sie da ist, ungedacht in jeder Ebene.“ (Deleuze und Guattari 2000, 69)

 

Sie ist da—ungedacht. Heißt das, dass sie auch ungedacht bleiben wird, sogar dann, wenn wir versuchen sie zu denken? Oder heißt das, dass der Akt des Denkens das Potential in sich birgt, zur Immanenz einen Zugang zu finden, eine Pore freizulegen. Oder ist es—vielleicht sogar gleichzeitig—genau anders herum: Ist es die Ebene der Immanenz, die auf allen Ebenen da ist, die den Zugang zum Denken überhaupt erst gewährt? Dem Denken Abfahrt gibt, Bewegung?

 

Deleuze und Guattari schlagen vor, dass das Denken der Immanenz eine sehr bescheidene Gestalt annehmen kann: „die höchste Geste der Philosophie [ist, Hinzufügung E. S.]: nicht so sehr DIE Immanenzebene denken, sondern zeigen, daß sie da ist, ungedacht in jeder Ebene.“ (Deleuze und Guattari 2000, 69)

 

Zeigen, dass etwas da ist. Wie?! Was heißt, zu zeigen, dass etwas da ist?!

Zeigen ist ein interessanter, ein spannender, ein gespannter Akt. Aufgespannt in einem Zwischen. Gar nicht einfach. Unmöglich zu beschreiben. Es geschieht so oft, dass man etwas zeigen will. Aber alles, was sich zeigt, ist das Subjekt, das etwas zeigen will. Und nicht das, was es zeigen will. Zeigende und Gezeigte sind zutiefst miteinander oder ineinander verwoben. Was dieser Text zeigen möchte, ist auch seine Verstrickung mit dem schreibenden Subjekt. Es ist ein mit der Schreibenden verwickelter Deleuze, eine mit der Schreibenden verwickelte Cixous, es ist ein verwickeltes Schreiben … Was für eine Tragik. Was für eine Verwicklung. Was für eine Grenze. Was für eine Möglichkeit.

Um es klar zu sagen: Mein Schreiben ist mein Schreiben und eine singuläre Perspektive. Es ist jedoch daher nicht privat, es ist nicht authentisch individuell oder ident mit sich. Es ist die Perspektive einer konkreten Verkörperung, am Ort dieses Körpers, den ich gelernt habe, den meinen zu nennen.

Ausdehnen—diesen Ort, diesen Körper ausdehnen. Ihn in Ausdehnung begriffen sehen, denken, schreiben. Werden. Diesen Umschlag—als den wir den Körper so oft denken—öffnen. So weit es geht. Sich davonstehlen.

Und, wie Deleuze und Guattari es mit Bezug auf Maurice Merleau-Ponty sagen: „Sie ist das Innerste im Denken, damit absolute Außen. Ein noch ferneres Außen als alle äußere Welt, weil sie ein tieferes Innen als alle innere Welt ist: Das ist die Immanenz, […].“ (Deleuze und Guattari 2000, 69) Das nicht-äußerliche Außen und das nicht-innerliche Innen denken: das Milieu.

 

In welchem Milieu, in welcher Umgebung, auf welchen Oberflächen und auf welchen Bühnen, auf welchen Seiten und Blättern, auf welchen Leinwänden, in welchem skulpturalen Material kann sich Immanenz zeigen—ereignishaft?! Als künstlerisch Forschende, als Philosoph_innen, die mit und an der Ebene der Immanenz arbeiten, sind wir herausgefordert, das Mobiliar zu bewegen, die Poren der Seiten aufzuspüren—sensorisch—um ein produktiv-schaffendes Milieu zu kreieren, das nicht zustellt und festgestellt wird, sondern sich offen zu halten vermag, dass sich darin, daran und darüberhinaus fliegend, stehlend bisweilen ereignishaft Immanenz zeigen kann. In Deleuze’ und Guattaris Philosophie wird alles Seiende in der Perspektive dessen betrachtet, dass es Teil der Natur ist. Daraus folgt eine Philosophie der radikalen Immanenz sowie der Ausgangspunkt für ein Denken körperlichen Mitseins. Die Körper werden in dieser Perspektive zu Körpern, die nicht mit sich selbst ident, sondern offen sind. Körper werden somit zu Bewegungen miteinander, zu Fortbewegungen miteinander. Wie eine singuläre und vielstimmige Stimme für tausendstimmige multiple Stimmen, das Rauschen eines Ozeans voller Tropfen, von denen wir in diesem Rauschen alle zusammen hören, der Ruf jedes einzelnen klingt im Rauschen aller, wird erst im Rauschen aller hörbar. Eine andere Massen-physiologie.

 

Schreiben wir auf diesem porösen rauschenden Grund. Diesem Sieb. Diesem sound. Ein Grund, der porös ist, der rauscht, unklar, durchlässig. Es scheint ein Grund zu sein, der etwas zu halten vermag, indem er es durchlässt, fliegen und fliehen, werden lässt. Das englische Wort „reason“ ist auf eine Art wunderbar, da es sowohl „Grund“ als auch „Ratio“ benennt. Eine poröse, eine offene Vernunft, ein poröser, ein offener Grund.

 

Und ein Schreiben, das sich auf den offenen Poren dieses Siebes, dieses Grundes, dieses Rauschens und Denkens bewegt oder durch es hindurch, widmet sich der Frage von Intensität und Bewegung. Schnelligkeit und Langsamkeit. Annäherung. Nicht Fixierung. Nicht abgeschlossenes Erfassen. In seinem letzten Text schreibt Deleuze: „Nur wenn die Immanenz sich selbst immanent ist, kann man von einer Immanenzebene sprechen.“ (Deleuze 1996, 30)

 

Epilog

Dieser Text ist an einem sehr frühen Morgen entstanden. Und an einem sehr frühen Morgen übersetzt worden. Unmittelbar nach dem Aufwachen. Es ist ein Text, der zur einen Hälfte in einem Badezimmer geschrieben wurde, mit dem Rücken an die Badewanne gelehnt; eine Technik zu schreiben, die ich von meiner Frau gelernt habe. Die andere Hälfte ist an meinem Schreibtisch entstanden, mit unserem schlafenden Hund an meiner Seite. Es ist ein Text, der zu einer Hälfte in englischer Sprache, zur anderen Hälfte in deutscher Sprache entstanden ist. Und jeweils ergeben die Hälften für sich ein anderes Ganzes. Ich habe viel heißes Wasser und auch Kaffee getrunken während des Schreibens. Und ich halte fest: Es war zu viel Kaffee. Dieser Text ist im Original in Englisch entstanden und von mir selbst ins Deutsche übertragen worden. Der englische Text ist in jenem Englisch geschrieben, in dem ich mich bewegen kann. Nicht geschönt, nicht überarbeitet. Es ist mein Schreibenglisch. Mein englisches Schreiben. Die Grenze der Sprache ist eine starke Erfahrung, die dieses Schreiben und auch die Übersetzung begleitet hat. Enttäuschungen und Freuden. Meine begrenzte fremde Sprache. Mein begrenztes Englisch. Mein dadurch auch begrenztes Deutsch. Eine Handvoll schimmernder Kieselsteine.


Endnoten

[1] Der vorliegende Text wurde im Rahmen des Forschungsprojekts „Artist-Philosophers. Philosophy AS Arts-based Research“ verfasst, das vom Austrian Science Fund (FWF): AR275-G21 gefördert wurde.


Bibliographie

Cixous, Hélène. 2013. „Das Lachen der Medusa.“ In Das Lachen der Medusa. Zusammen mit aktuellen Beiträgen, herausgegeben von Esther Hutfless, Gertrude Postl und Elisabeth Schäfer, übersetzt von Claudia Simma, 39–63. Wien: Passagen Verlag Wien.

Deleuze, Gilles. 1996. „Immanenz: Ein Leben.“ In Fluchtlinien der Philosophie, herausgegeben von Friedrich Balke und Joseph Vogl, übersetzt von Joseph Vogl, 29–34. München: Wilhelm Fink Verlag.

Deleuze, Gilles, und Félix Guattari. 2000. Was ist Philosophie? Übersetzt von Bernd Schwibs und Joseph Vogl. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.


Biographie

Elisabeth Schäfer hatte von 2014–2017 eine Postdoc-Stelle im Rahmen des Forschungsprojekts „Artist-Philosophers. Philosophy AS Arts-Based research“ [AR 275-G21; gefördert vom Österreichischen Wissenschaftsfond FWF] an der Universität für Angewandte Kunst Wien (Projektleitung: Arno Böhler) inne. Sie ist externe Lektorin seit 2010 am Institut für Philosophie der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Dekonstruktion, Körper-Diskurse, Queer-feministische Philosophie und Écriture feminine. 2013 hat sie gemeinsam mit Esther Hutfless und Gertrude Postl die erste dt. Übersetzung von Hélène Cixous berühmtem Essay „Le Rire de la Méduse“ herausgegeben. (Passagen Verlag Wien; Übersetzung: Claudia Simma). 2017 hat Schäfer—erneut gemeinsam mit Esther Hutfless—„Conversation avec l’ane. Écrire aveugle“ von Hélène Cixous herausgegeben, das bei Zaglossus Wien erschienen ist.

Schäfer arbeitet derzeit an einem Forschungsprojekt mit dem Arbeitstitel „Writing: The Threshold of the Utopian. On the Political, Ethical and Aesthetical Power of Autobiografiction—and towards an Artistic Philosophy of Writing“. http://homepage.univie.ac.at/elisabeth.schaefer/Website_Uni_Wien/Home.html



Copyright (c) 2017 Elisabeth Schäfer

License URL: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/deed.de